…ZU UNSEREM UMGANG MIT MATERIAL

(Dieser Text ist im Zuge der Lehrveranstaltung Raum-Material-Detail an der Fakultät für Architektur der TU-Graz im Sommersemester 2005 entstanden. Aufgabenstellung war: „Entwirf Deinen Fetisch“) Die im Text getroffene Aussage umreißt im Prinzip meinen Zugang zur Nutzung und Verwendung von Material. Der Text ist bewußt polemisch verfasst, schließlich ging es darum eine nur virtuell existierende Abschlußarbeit für eine Lehrveranstaltung zu verteidigen…:

FETISCH??? – EIN VERSUCH!

Den eigenen Fetisch zu entwerfen geht eigentlich nur dann, wenn dieser vorher schon lange in der eigenen Gedankenwelt existiert hat. Diese Aufgabe entspricht wohl auch nicht einer Entwurfsaufgabe im üblichen Sinn, welche, durch einen Bauherren vertreten, an mich herantritt und mich mit mehr oder weniger ausgereiften Vorstellungen über Anforderung, Funktion, Aussehen, Material etc. konfrontiert.

Hier muss ich mich meinen eigenen Wunschvorstellungen stellen, die ich mir über ein Objekt gebildet haben sollte. Doch welches ist das? Was, wenn im Moment kein Objekt in meiner Gedankenwelt existiert, das ich endlich entwerfen, bauen, ausführen will? Kann ich mich dann hinsetzen und schnell eines existieren lassen um es dann zu entwerfen?

Nein! Denn ich weiß ja nicht was! Und würde ich mir nun irgendwas aus den Fingern saugen, entworfen in einem der vielen herrlichen Materialien, nach einer der unendlich vielen Formmöglichkeiten, für eine der unendlich vielen möglichen Nutzungen, wäre das dann mein Fetisch?

Nein! Denn es wäre nur die fast zufällige Beschränkung auf einen kleinen Aspekt der Vielfalt, aber nicht -gerade nicht- das Objekt welches Macht über mich besitzt! Abgesehen vom lotterieartigen Entwurfsprozess.

Was tun…?

Ich sehe nur eine Möglichkeiten, trotzdem noch zu einem Objekt bzw. der Darstellung einer Sache zu kommen, welche für mich die Züge eines Fetisch trägt, weil sie in ihren Eigenschaften meinen Wünschen entspricht bzw. meine Vorstellungen beeinflusst, wie ein Objekt, ein Ding ausgeführt sein sollte bzw. ich es ausführen würde, wüsste ich an welchem ich arbeiten sollte:

Die Beschäftigung mit dem „Material“ „Alt“ und bzw. dem Begriff „altern“. Wobei es hier um die Eigenschaft „in Würde altern“ geht, was erstmal nicht die Menschen sondern das Material betrifft, gleichzeitig aber auch direkten Einfluss nimmt auf das Leben des Menschen, denn, so behaupte ich jetzt einfach, die Qualität des Alterungsprozesses unserer gebauten Umgebung hat direkten Einfluss auf die Qualität unseres eigenen Alterungsprozesses. Das klingt jetzt sehr nach Fixierung auf das Letale des Lebens – nicht unberechtigt, schließlich hält nichts ewig – Gleichzeitig ist es aber viel mehr die Beschäftigung mit dem reinen Leben, denn altern bedeutet leben. Und die Frage nach der Qualität des Alterns ist die Frage nach der Qualität des Lebens.

MATERIAL „ALT“ – ALTES MATERIAL

Ich bin kein Verfechter der Mode neue Häuser mit alten Materialien zu bauen, um die Häuser schön „echt alt“ aussehen zu lassen. Natürlich ist nichts dagegen einzuwenden schöne, alte Dinge zu benutzen, anstatt sie wegzuschmeißen. Das tue ich selbst, wie ich an einigen Beispielen darstellen möchte, die zu meinen persönlichen Fetischen geworden sind.

Der Überbegriff für meinen Fetisch ist wohl in meiner gemieteten Altbauwohnung zu finden. Sie ist alt, war heruntergekommen und entspricht in keiner Weiße mehr dem heute allgemein gültigen Standard. Unter anderem besitzt sie keine Zentralheizung sondern in jedem Zimmer einen kleinen Festbrennstoffofen. Das bedeutet zwar Arbeit, ich möchte meine Öfen aber nicht mehr missen. (Fetisch Nr. 1)

Ofen (irgendwann Anfang 20.Jhd)

Außerdem hat sie einen Keller in dem sich, neben dem oben abgebildeten Ofen, jede Menge weggeworfenes oder vergessenes Zeugs finden lässt. Unter anderem einige alte, für sich jeweils schrottreife, weil über lange Zeit ungepflegte Fahrräder. Aus den Teilen dieser Rostlauben entstand in langer Arbeit ein schönes Fahrrad, dass herrlich ruhig und bequem fährt und mit seinen drei Gängen durchaus für längere Touren tauglich ist.

(Fetisch Nr. 2)

Einzelteile Fahrrad StyriaFahrrad Styria

Und sie hatte pflegeleichte PVC-Böden auf völlig zerbröselnden Pressspanplatten. Beim näheren Hinschauen hat sich allerdings gezeigt, dass unterhalb der mehr als doppelt so alte Bretterboden nicht beseitigt worden war, wie es in anderen Wohnungen in diesem Haus geschehen ist. Wir haben ihn wieder freigelegt. Er hat Wellen und Fugen, Abnutzungserscheinungen und ein paar Schäden und Pflegeleichtigkeit wird hier zur Auslegungssache. Aber er bringt eine Wohnqualität, die unvergleichlich ist. Und: er ist durchaus intakt – zerbröselt nicht (Fetisch Nr.3)

Abbruch PVC-PressspanAlter Holzboden

THEMA ALTERN

Womit wir wieder beim Thema „altern“ wären…

Heute dominieren immer mehr die Fragen nach Billigkeit, schneller Wirkung, begrenzter Nutzungsdauer, Rentabilität. Gleichzeitig sehen wir uns konfrontiert mit allgegenwärtigen Schlagwörtern wie Kurzlebigkeit, Schnelllebigkeit aber auch Innovationsfreudigkeit oder Wertverlust. „Nichts ist so veraltet wie die Zeitung von Gestern“ trifft nicht so sehr zu wie „nichts ist so veraltet wie ein dreijähriger Computer“ – mittlerweile immerhin ein zentrales Objekt im Leben der meisten von uns. Das Bauen wird wohl immer etwas langlebiger sein als die Computertechnologie aber auch hier findet die selbe Entwicklung statt. Trotz aller Forschung nach besseren (vielleicht auch langlebigeren) Materialien und deren Behandlung ist die Entwicklung eine andere: Neu muss es sein oder zumindest aussehen. Die Frage: „wie schaut es in 10 – 15 Jahren aus?“ stellt sich immer weniger, denn dann muss es sich bereits mehrfach amortisiert haben und darf gerne ausgetauscht werden gegen etwas wieder neues. An die Stelle des Alterungsprozesses tritt immer stärker der reine Abnutzungsprozess und abgenutzt sind die Dinge immer schneller. Man denke z.B. an Böden: Laminat versus alter Bretterboden, oder an die Einrichtungen alter Apotheken, die immer noch schön sind wie eh und je versus deutlich neuere Möblierungen, die in Zustand und ehemals modischem Stil recht bald abstoßend wirken.

Worauf will ich hinaus? Ich möchte in Zusammenhang bringen, was meiner Ansicht nach in absolutem Zusammenhang steht aber oft genug so nicht wahrgenommen wird: die Qualität unseres Lebens und die Qualität unserer gebauten Umgebung.

No, na… hängt nur vom Kleingeld ab wäre die allgemeine Antwort.

Tut es meiner Ansicht nach aber nicht!

Zum Beispiel ist es zugegebener Maßen mit mehr Geld zwar leichter, die bestmögliche medizinische Versorgung zu bekommen, aber deswegen noch lange nicht sichergestellt. So werden z.B. zusatzversicherte bzw. private Patienten lt. Statistik häufiger operiert und vor allem wesentlich häufiger sinnlos operiert, da sie für den Operateur deutlich lukrativer sind. Schlecht Informiert und im Zustand der unmündigen Angst vor der Krankheit gelassen aber mit den finanziellen Mitteln ausgestattet, sind sie leichte Beute. Die monetäre Investition in die eigene Gesundheit (Zusatzversicherung, Privatpatient) führt also nicht automatisch zu einer besseren Lebensqualität.

Was für die leibliche Hülle des Menschen gilt, gilt auch für bauliche Hülle, in der er sich bewegt.

Es geht mir also um ein Bewusstsein den Dingen gegenüber, in gewisser Weise auch um Konsequenz. Das was wir heute zuviel in Dinge wie Freizeit, Besitz und in mein persönliches Unwort des Jahrzehnts „Wellness“ investieren, sind wir nicht bereit in unsere Umgebung (vielleicht könnte man auch sagen: in unser Leben) zu investieren. Weniger monetäre Investitionen zählen hier, als viel mehr Investition von Zeit und Aufmerksamkeit der Sache gegenüber. Als Beispiel wieder der Boden – immerhin bewegen wir uns den ganzen Tag auf ihm: Schnell verlegt, leicht zu Pflegen, perfekt in der Optik und natürlich billig muss er sein – teure Qualitätshölzer, vom Bodenleger professionell verlegt und behandelt kann sich der Durchschnittsbürger kaum leisten also landen wir beim Laminat oder billigem Fertigparket mit 2mm Nutzschicht. Dabei täten es geölte Fichtenbretter vielleicht auch. Über Optik lässt sich streiten – ich finde die Bretter herrlich – würde man aber die Gesamtheit des Materials bewusst betrachten und unbewusst tut das jeder, wenn er über den Boden geht, ihn berührt oder seine Schritte hört, dann wäre die Sache klarer. Der Unterschied ist das Echte: Ausstrahlung, Haptik, Optik, Geräuschentwicklung alles zählt und wird auch wahrgenommen. Im Zweifellsfall scheint aber nur der optische Eindruck wichtig zu sein. Dieses Bewusstsein der Gesamtheit gegenüber und die gewisse Aufmerksamkeit und Bereitschaft zur Pflege, die so ein Boden braucht um zu altern statt sich abzunützen, sind wir offenbar nicht mehr bereit zu investieren. Vielleicht wollen wir es aber auch gar nicht?

Das führt mich wieder zum Anfang meiner Ausführungen. Die Qualität des unvermeidlichen Alterungsprozesses. Wir sind nicht bereit ihn zuzulassen und versuchen ihn zu übertünchen oder ganz zu stoppen. Allein, er ist stärker als wir. Also tauschen wir in immer kürzeren Intervallen aus und das geht beim Material auch immer leichter weil immer billiger, was dazu führt, dass wir immer weniger bereit sind das Altern zu akzeptieren.

Stellt sich nur die Frage ob wir rechtzeitig in der Lage sind auch bei unserer körperlichen Hülle das abgenutzte, angealterte Äußere einfach auszutauschen, bevor uns der Müllberg unserer ausgetauschten Alt-Umgebung begräbt und die Sinnlosigkeit des Unterfangens begreifbar macht.

Vielleicht können wir aber auch an unserer gebauten Umgebung lernen das zu akzeptieren, was uns so schwer fällt an unserer körperlichen Hülle zu akzeptieren?

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